K A P I T E L E I N S
Fluchtpunkt Pöschwies
An dem Morgen, an dem seine Tochter zum zweiten Mal geboren wurde, war Marc Steiner seit tausendvierzig Tagen tot.
Er kannte die Zahl, weil er sie führte. Jeden Morgen ritzte er mit dem Daumennagel einen Strich in die Fuge unter dem Fenster, dorthin, wo der Beton porös geworden war und nachgab. Nicht aus Sentimentalität. Ein Mann, der aufhört zu zählen, verliert sein Mass, und ohne Mass rückt alles gleich weit weg — die Freiheit, die Schuld, das Kind. Tausendvierzig. Der Zementstaub rieselte auf den Boden wie feiner Schnee.
Dann vermass er die Zelle.
Er tat es nicht mehr mit den Augen. Die Augen kannten sie. Er tat es mit dem Körper, wie ein Blinder seine Wohnung liest. Von der Pritsche zur Tür: zwei Meter zehn, vier Schritte, wenn er ging, wie ein Mensch geht. Die Decke: zwei Meter fünfundfünfzig, ein vorgefertigtes Element, dessen Rasterfuge er kannte wie eine Narbe am eigenen Leib. Die Wände hatten sich seit dem letzten Winter um einen halben Millimeter gesetzt. Er hätte es beschwören können. Zwölf Jahre lang hatte er die Schweiz von unten gebaut, Tunnel um Tunnel durch den Fels getrieben, und der Fels hatte ihn gelehrt, dass jedes Bauwerk arbeitet, atmet, sich bewegt. Auch ein Gefängnis. Auch das hier.
Sie hatten ihm alles genommen, was ihn zu Marc Steiner machte — den Namen im Handelsregister, die Wohnung in Zürich, das Vertrauen der Leute, die ihn gekannt hatten. Nur das eine hatten sie ihm gelassen, weil sie es nicht sahen. Er las Strukturen. Er sah, wo Kräfte liefen und wo sie sich stauten, wo ein System stark war und wo es log. Ein Gefängnis war eine Struktur. Und jede Struktur hatte einen Punkt.
Nicht, dass er ihn gesucht hätte. Wer sollte ausbrechen, um wohin zu gehen? Draussen wartete niemand mehr. Nele lag unter der Erde im Verzascatal, oder was von ihr geblieben war nach jener Nacht, in der das alte Rustico in Flammen aufgegangen war. Und die halbe Schweiz war überzeugt, dass er es gewesen war, der die Streichhölzer gehalten hatte. Der Vater. Der Brandstifter. Der Mörder seines eigenen Kindes.
Auf dem Sims stand kein Foto in einem Rahmen — Rahmen waren nicht erlaubt. Es lag ein Foto flach unter der Matratze, dort, wo er beim Aufstehen die Hand hinlegte. Er zog es nicht jeden Tag hervor. An manchen Tagen hätte es ihn umgebracht. Aber er wusste, dass es da war, und das war beinahe schlimmer, dieses Wissen, wie eine Wunde, die man nicht ansieht, damit sie nicht wehtut, und die trotzdem wehtut.
Heute zog er es hervor.
Nele, sechs Jahre alt, auf einem Steg am Lago di Vogorno, das Wasser dahinter so grün, dass die Leute es für retuschiert hielten. Sie lachte in die Kamera, ein Zahn fehlte, und an ihrem rechten Handgelenk, blass gegen die Sonnenbräune, zog sich die dünne, sichelförmige Narbe entlang — die Narbe vom Sturz auf dem Fahrrad, sieben Stiche im Regionalspital Locarno, er hatte ihre Hand gehalten, während sie nähten, und sie hatte nicht geweint, weil er ihr versprochen hatte, dass Narben Geschichten sind, die man behält.
Der Daumen fuhr über das abgegriffene Papier. Er legte das Foto zurück. Er hatte gelernt, dass Trauer nicht die grosse Welle war, die man im Fernsehen sah. Trauer war das hier: ein Stück Papier, ein Daumen, ein Handgriff, tausendvierzigmal.
Draussen auf dem Gang begann der Tag mit seinen immer gleichen Geräuschen, und Marc kannte sie alle, so wie er die Masse der Zelle kannte. Das Scharren der Pantoffeln des Frühdienstes. Das metallische Klappen der Essensklappen, eine nach der anderen, ein Rhythmus, der sich dem Gang entlangfrass. Irgendwo hustete ein Mann, der schon hustete, seit Marc hier war, ein trockenes, hoffnungsloses Bellen, das die Nächte zerschnitt. Ein anderer betete in einer Sprache, die niemand verstand. In Pöschwies lebten sechshundert Männer übereinander gestapelt, und jeder von ihnen hatte gelernt, aus dem Lärm der anderen eine Art Stille zu machen, weil man sonst verrückt wurde. Marc hatte es auch gelernt. Er hatte gelernt, den Gestank des Gangs nicht mehr zu riechen, das Neonlicht nicht mehr zu sehen, das nie ganz erlosch, die Enge nicht mehr zu spüren, die sich nachts um seine Brust legte wie eine nasse Hand. Ein Mensch gewöhnt sich an alles, das war die grausamste Entdeckung dieser drei Jahre. Man gewöhnt sich sogar daran, für den Mord an seinem eigenen Kind zu büssen, den man nicht begangen hat.
Er strich mit der Handkante über die Reihe der Striche unter dem Fenster, tausendvierzig kleine Kerben, ein Kalender der Vergeblichkeit. In den ersten Monaten hatte er sie gezählt, um nicht zu vergessen, dass draussen eine Welt weiterlief, in der man ihn suchte, in der jemand die Wahrheit ans Licht bringen würde. Dann hatte er sie gezählt, um überhaupt etwas zu tun. Und jetzt zählte er sie nur noch, weil das Zählen selbst zum Gefängnis geworden war, zu einer Gewohnheit, die ihn festhielt, so wie die Mauern ihn festhielten. Ein Mann ohne Mass, hatte er sich gesagt, verliert sich selbst. Aber vielleicht, dachte er an diesem Morgen zum ersten Mal, war das Mass längst zum Gitter geworden.
Und manchmal, in der grauen Stunde vor dem Wecken, kam die Nacht zurück, und er liess sie kommen. Nicht, weil er sie ertrug, sondern weil er sie brauchte. Er ging sie durch, wie er früher einen eingestürzten Vortrieb durchgegangen war — nicht mit dem Herzen, mit dem Verstand, auf der Suche nach der Stelle, an der die Statik gelogen hatte.
Val Verzasca, ein Uhr nachts. Er war hinausgetreten, um Holz zu holen, das war das Letzte, was zur offiziellen Geschichte passte. Danach begann das Loch. Da war ein Geruch gewesen, kurz bevor alles geschah, süsslich, chemisch, nichts, das ein Kaminfeuer machte. Da waren Scheinwerfer gewesen, weit unten am Weg, wo kein Wagen hingehörte, weil der Weg an ihrem Rustico endete. Und als er zurückkam, brannte das Haus bereits von innen, gleichmässig, an drei Stellen zugleich, und Neles Zimmer — er kam nicht bis zu Neles Zimmer.
Die Untersuchung sagte, er habe das Feuer gelegt. Sein Gedächtnis sagte nichts, es zeigte nur das Loch. Und ein Ingenieur, der drei Jahre Zeit hat, lernt, dass ein Loch von bestimmter Form kein Zufall ist. Man legt kein Feuer an drei Stellen gleichzeitig, wenn man verzweifelt ist. Man tut es, wenn man gründlich ist. Er hatte aufgehört, das laut zu denken, weil es ihn zerriss. Aber die Form des Lochs hatte sich in tausendvierzig Nächten nie verändert.
Eine einzige Störung gab es sonst noch in dieser Ordnung, und sie war so gering, dass er sie kaum ernst nahm: die Revision. Diese Anwältin — Vogt, mit dem harten Blick und der noch härteren Stimme — führte sie noch, gegen jede Vernunft, gegen die Aktenlage, gegen ein Urteil, das rechtskräftig war wie in Stein gemeisselt. Sie schrieb Eingaben, die niemand las. Marc hatte irgendwann aufgehört, daran zu glauben. Hoffnung war ein Werkzeug, das in seiner Hand nur noch Schaden anrichtete.
Und da war der Termin. In zwei Tagen, hatte der Anstaltsarzt gesagt, gehe es zur neurologischen Abklärung in ein externes Spital, wegen der Schwindelanfälle, die Marc seit der Brandnacht heimsuchten. Er hatte genickt, als ginge es ihn kaum etwas an. Ein Ausflug, begleitet und gefesselt, am Abend zurück in die Zelle — die Art Ereignis, die in Pöschwies als Abwechslung galt und die Marc längst nicht mehr so empfand. Damals hatte er noch nicht gewusst, dass dieser feststehende Termin der einzige Riss in einer lückenlosen Mauer sein würde: der eine Vormittag, an dem sich die Ordnung, die ihn hielt, für ein paar Stunden öffnen musste.
Er ritzte den tausendvierzigsten Strich zu Ende und wischte den Staub mit der Handkante weg.
Er wusste nicht, dass es der letzte Strich sein würde, den er in diese Wand ritzte.