103.7
Zug, Oktober 2024. Der Toningenieur Jonas Wirth bemerkt unter einer Aufnahme eine konstante Frequenz, die nicht dorthin gehört. 103,7 Hertz. Niemand sonst hört sie.
Eine E-Mail ohne Absender führt ihn auf den Zugerberg, zu einer Stahltür, die seit Jahrzehnten im Wald steht. Dahinter wartet ein Archiv: dreizehn Kassetten mit Stimmen aus sieben Jahrzehnten – Menschen, die denselben Ton gehört haben. Und eine Liste, auf der sein Name als Dreizehnter steht.
Über drei Wochen wird Jonas zuhören. Er wird verstehen, dass das Gestein unter dem Schweizer Mittelland wartet. Auf einen Zuhörer.
Ein Ausschnitt aus dem ersten Kapitel.
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Zug, Winter 2028
Vier Jahre sind vergangen, seit ich zum ersten Mal den Bunker auf dem Zugerberg betreten habe, und ich beginne, diese Zeilen zu schreiben, weil jemand – vielleicht ein Kind in fünfzig Jahren, vielleicht eine Frau aus einem Kanton, den ich nicht kenne, vielleicht ein Mann, der heute Abend in Hamburg oder Oslo die 103,7 Hertz zum ersten Mal hört – verstehen wird wollen, was geschehen ist.
Nicht die wissenschaftliche Seite. Die steht in einem Paper, das Steiner und David und Ruth und ich im September 2027 veröffentlicht haben, in der Communications Earth & Environment, siebzehn Seiten, vierzehn Autoren, und das inzwischen hundertsiebenundzwanzig Mal zitiert worden ist. Was dort steht, ist präzise, datengeleitet, vorsichtig. Es ist, was ein solches Paper sein soll.
Aber was dort nicht steht, ist die Geschichte.
Die Menschen. Die Kassetten. Die Stille zwischen zwei Schlägen.
Der Nachmittag im Oktober 2024, an dem ich mit dreizehn Kassetten gegen die Brust aus einer Stahltür trat und nicht mehr derselbe Mensch war, der ich fünf Stunden zuvor hineingegangen war. Der Abend im April 2025, an dem ein hundertjähriger Mann in einem Haus in Köniz zu mir sagte: Seien Sie da. Das reicht. Der Tag im Februar 2027, an dem ich auf den Zugerberg zurückging und im Wald auf eine Frau traf, die nicht sprach, nur grüsste, und die ich seither, obwohl ich sie kenne und ihrem Mut vertraue, bei keinem Namen nennen kann und nie nennen werde.
Das ist die Geschichte.
Ich schreibe sie jetzt auf, weil sie sich aus der Erinnerung aufzulösen beginnt, wie Aufnahmen sich von einem alten Magnetband lösen, wenn niemand sie abspielt. Nicht aus Eitelkeit. Aus Verantwortung.
Mein Name ist Jonas Wirth. Ich bin vierzig Jahre alt, aufgewachsen in Cham im Kanton Zug, und ich arbeite seit meinem sechzehnten Lebensjahr mit Klang. Ton, Frequenz, Resonanz. Die Art, wie ein Raum eine Stimme färbt. Die Art, wie ein Instrument nicht nur Töne erzeugt, sondern Zeit. Die Art, wie ein Wald nicht still ist, sondern aus Schichten besteht, die man freilegen kann, wenn man das richtige Mikrofon hat und genug Geduld.
Mein Vater, Heinrich Wirth, hatte mir mit sechzehn seinen Tascam 424 geliehen – einen Vierspurrecorder, dbx-Rauschunterdrückung, Anfang neunziger Jahre –, und ich hatte im Wald hinter unserem Haus an der Knonauerstrasse in Cham die Geräusche aufgenommen, die andere Kinder überhörten.
Nicht den Wind.
Nicht die Vögel.
Das Knacken der Nadelschicht unter einem Reh. Die Resonanz eines hohlen Baumstammes, wenn man mit dem Knöchel dagegenklopfte. Die Frequenz, mit der das Holz nachschwang, Sekunden nach dem Anschlag.
Ich habe später an der ZHdK Tongestaltung studiert, spezialisiert auf Feldaufnahmen, habe zwei Jahre in Bern gearbeitet, dann ein Studio in Zug eröffnet, am Bundesplatz, im Kellergeschoss eines Altbaus aus den Dreissigerjahren, dessen Fundamente in der Molasse liegen, wie die Fundamente der ganzen Stadt in der Molasse liegen.
Die Molasse, dieses Sedimentgestein aus dem Tertiär, vor dreissig Millionen Jahren entstanden, als der Ozean, der die spätere Alpenregion bedeckte, langsam zurückwich und Sand und Schluff und Ton in Schichten ablegte, die sich unter ihrem eigenen Gewicht verdichteten, bis sie zu Stein wurden.
Unter Zug. Unter Bern. Unter Luzern. Unter Zürich, Solothurn, Olten. Unter dem ganzen Schweizerischen Mittelland.
Und unter diesem Gestein, wie es sich herausgestellt hat: eine Frequenz.
Eine einzige, stabile, konstante Eigenschwingung bei 103,7 Hertz, mit einer Amplitude, die sich psychoakustisch gerade an der Grenze des bewusst Wahrnehmbaren bewegt, und einer periodischen Modulation alle acht Sekunden, die nie messbar abweicht.
Das Gestein klingt.
Nicht laut, nicht dramatisch, nicht für jeden hörbar. Aber es klingt, seit es Gestein geworden ist, und es wird klingen, solange es Gestein bleibt.